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Artemisia Gentileschi - ein Ausnahmetalent der Porträtmalerei

ARTIKEL:  MARCO RICCI / Kunstvermittlung KHM Wien u.  Leopoldmuseum 


Artemisia Gentileschi - or the Art of Two in One

Inspiriert durch die diesjährige Ausstellung über Artemisia Gentileschi in der National Gallery in London, möchten wir im November 2020 unseren Beitrag zur Kunstgeschichte diesem Ausnahmetalent widmen. Es gibt wenige Künstler, die einen so hohen Grad an Wiedererkennbarkeit haben wie Artemisia Gentileschi. Die italienische Barockmalerin gilt als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 17. Jahrhunderts. Dies ist nach Jahrhunderten der Nichtbeachtung nicht zuletzt der feministischen Kunstgeschichtsforschung der letzten 50 Jahre geschuldet. Angesichts der Tatsache, dass diese Epoche vorwiegend von Männern dominiert wurde, ist es besonders spannend, sich ihr Leben und Werk ein wenig genauer anzusehen. Galt sie doch zu Lebzeiten als wichtigste Künstlerin und war eine Ikone, die ihre Werkstatt mit großem Geschick führte. Mit ihren Selbstporträts in ständigem Rollentausch kreierte sie eine eigene Marke. Anders als andere Malerinnen verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt nicht nur mit Porträts oder Stillleben, sondern erprobte sich in den prestigeträchtigen Genres der sakralen und profanen Historienmalerei. Ihre Malerei wirft die Frage nach dem Verhältnis der Geschlechter zueinander auf.

Zur Person Artemisia Gentileschi

Artemisia Gentileschi wurde 1593 in Rom als Tochter des toskanischen Malers Orazio Gentileschi geboren. Dieser war ein Freund von Michelangelo Merisi, der besser als Caravaggio bekannt ist. Die Auseinandersetzung mit dem Werk dieses revolutionären Künstlers prägte in weiterer Folge Vater und Tochter. Artemisia wurde in der Werkstatt ihres Vaters ausgebildet und galt als Wunderkind. Ausgerechnet ein Mitarbeiter des Vaters, Agostino Tassi, sollte das Leben Artemisias entscheidend verändern. Nach mehrfachen Vergewaltigungen zeigte Orazio den Peiniger seiner Tochter an und es kam zu einem aufsehenerregenden Prozess, der trotz einer Verurteilung Tassis die Reputation Artemisias nachhaltig schädigte. Inwiefern diese Erfahrung ihr späteres Werk und ihre Bildmotive beeinflusste, ist nach wie vor Thema der kunsthistorischen Forschung. Weitere Stationen ihres bewegten Lebens waren nach Rom, die Städte Florenz, Venedig, London und Neapel, wo sie die letzten 25 Jahre verbrachte und 1654 noch dokumentiert ist. Sie stand in regem Austausch mit Fürsten, Künstlern, Wissenschaftlern wie z. Bsp. Galileo Galilei und wurde 1616 als erste Frau Mitglied einer Kunstakademie, der Accademia del Disegno in Florenz. Ihr genaues Todesdatum ist unbekannt.

„Der Geist Caesars in der Seele einer Frau“

Artemisia Gentileschi, Judith enthauptet Holofernes

Abbildung: Artemisia Gentileschi, Judith enthauptet Holofernes, um 1612–1613, Öl/Lw, 158.8 × 125.5 cm (Neapel, Museo e Real Bosco di Capodimonte (Q378) © Foto: Luciano Romano / Museo e Real Bosco di Capodimonte 2016)

So charakterisierte sich Artemisia Gentileschi selbst einmal in einem Brief an einen adeligen Auftraggeber. Das Gemälde Judith enthauptet Holofernes malte die Künstlerin 1612/13 unmittelbar nach der Vergewaltigung durch den Maler Agostino Tassi und wurde von vielen Kunstkritikern in Zusammenhang mit dieser gesehen. Tatsächlich sieht man die biblische Heldin Judith, wie sie mit tatkräftiger Unterstützung einer zweiten Frau, den feindlichen Feldherrn Holofernes köpft. Mit diesem brutalen Mord rettete Judith ihre Heimatstadt Betulia vor der sicheren Eroberung durch die Assyrer. Der Fokus liegt auf dem Kraftakt der Überwindung eines starken Mannes durch zwei Frauen, entbehrt aber seltsamerweise nicht einer gewissen schaurigen Schönheit.

 

Die Künstlerin legt das Bild in dramatischen Hell-Dunkel-Kontrasten, einer symmetrischen Komposition und einem Blau-Rot-Farbakkord an. Die zweite weibliche Figur wirkt wie eine verdoppelte Judith (man beachte die Ähnlichkeit der beiden Protagonistinnen!). Von daher könnte dem Farbakkord auch eine symbolische Bedeutung zugeschrieben werden. Blau als kalte Farbe stünde für die kühle Berechnung, den geistigen Aspekt, rot als warme Farbe hingegen für das Emotionale dieser Bluttat. Diese Spaltung in kühle Berechnung und sinnliche Rache könnte durchaus für zwei Persönlichkeitsanteile stehen und das Gemälde schlussendlich auch eine Form der Bewältigung der erlittenen Gewalt darstellen.

 

Cindy Sherman des Barocks

Abbildung 1: Artemisia Gentileschi, Selbstporträt als Lautenspielerin, um 1615-17, Öl/Lw, 77.5 x 71.8 cm, Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, Connecticut. Charles H. Schwartz Endowment Fund 2014.4.1 © Wadsworth Atheneum Museum of Art)

Abbildung 2: Artemisia Gentileschi, Selbstporträt als hl. Katherina von Alexandria, um 1615–1617, Öl/Lw, 71.5 x 71 cm (© The National Gallery, London)

Ein besonderes Charakteristikum des malerischen Oeuvres Artemisias Gentileschi besteht darin, dass die Künstlerin immer wieder in verschiedene Rollen schlüpft und so Fragen nach Identität, Rollenbildern, Körperlichkeit und Sexualität aufwirft bzw. diese Themenkreise berührt. Bei Gentileschi erfolgt dies über die Ikonografie und Bildsprache ihrer Zeit, die eigenen Konventionen und narrativen Codes folgen. So ist in diesem Zugang eine gewisse inhaltliche Nähe zum Werk der zeitgenössischen Künstlerin Cindy Sherman nicht von der Hand zu weisen. Sherman gestaltet seit den 1970er Jahren konzeptuelle Arbeiten mithilfe der Fotografie. Spannend ist neben diesen theoretischen Erwägungen auch, dass Gentileschi sehr wohl mit ihrem Ruf und ihrer Reputation als wichtigste Künstlerin ihrer Zeit spielte. Sie bediente daher mit diesen „rollenbildlichen Selbstporträts“ die Nachfrage eines großen Marktes und rührte als Managerin einer Werkstatt gleichermaßen die Werbetrommel für ihre „Marke“. Von daher erleben wir sie einmal als christliche Heilige (wie in dem Gemälde der Hl. Katharina von Alexandria, das erst vor kurzem entdeckt und von der National Gallery in London angekauft wurde), ein andermal als Lautenspielerin oder aber als literarische Figuren wie Susanna, Judith, Lucretia und Kleopatra.

Artemisia ist Malerei!

Artemisia Gentileschi, Selbstbildnis als Allegorie der Malerei

Artemisia als Malerin (Artemisia Gentileschi, Selbstporträt als die Allegorie der Malerei (La Pittura), um 1638/39, Öl/Lw, 98.6 x 75.2 cm (Royal Collection of Her Majesty the Queen Elizabeth II., Royal Collection Trust, RCIN 405551)

Das Selbstporträt als Allegorie der Malerei ist eines der wenigen Gemälde, die mit einiger Wahrscheinlichkeit während des Londoner Aufenthalts Artemisias Ende der 1630er Jahre entstanden sind. Sie war der Einladung des englischen Königs Karl I. gefolgt, um einige Zeit als Hofmalerin für ihn tätig zu sein. Es zeigt die scheinbar nicht gealterte Künstlerin (sie war immerhin schon Mitte 40!) beim Malen in einer komplizierten, gedrehten Pose. Es handelt sich um ein Künstlerselbstporträt das bis dahin in seiner Form einzigartig war. Dass dieses Selbstporträt auch als allegorische Darstellung der Malerei verstanden werden kann und soll, ist für den damaligen Bildbetrachter glasklar: Allegorien wurden (analog zu ihrem grammatikalischen Geschlecht) immer weiblich dargestellt. Darüber hinaus trägt die Künstlerin eine goldene Kette mit einem Anhänger in Form einer Maske. Dieses Detail wird im wichtigsten ikonographischen Wörterbuch der Zeit (Cesare Ripa, Iconologia, Rom 1593) als Attribut der Malerei erwähnt, da die Malerei nach damaligem Verständnis die Wirklichkeit imitiert, wie eine Maske das Gesicht imitiert.

Detail mit Palette und maskenförmigen Anhänger

Detail aus dem  Werk "Artemisia als Malerin (Artemisia Gentileschi, Selbstporträt als die Allegorie der Malerei (La Pittura)", um 1638/39, Öl/Lw, 98.6 x 75.2 cm (Royal Collection of Her Majesty the Queen Elizabeth II., Royal Collection Trust, RCIN 405551)


ARTEMISIA

Information zur Ausstellung in der National Gallery in London

Noch bis 24.01.2021 ist in der National Gallery in London eine Artemisias Gentileschi gewidmete Sonderausstellung zu sehen:

https://www.nationalgallery.org.uk/exhibitions/artemisia

Installation view of Artemisia (3 October 2020 – 24 January 2021) at the National Gallery. © The National Gallery, London. Ellice Stevens who played Artemisia in a Breach Theatre’s production of It’s True, It’s True, It’s True


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